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Gesundheitstourismus im Alpenraum: Wachstumsmarkt mit Zukunft

FachbeitragJuli 2018 6 Minuten

Der Gesundheitstourismus als Nischensegment entwickelt sich immer mehr zu einem wachsenden Trend der Reisebranche. Im Folgenden wird auf die Gründe für medizinisch motiviertes Reisen eingegangen, die beliebtesten Destinationen und auf die Entwicklung speziell im Alpenraum.


Der Gesundheitstourismus als Nischensegment entwickelt sich immer mehr zu einem wachsenden Trend der Reisebranche. Der Begriff Gesundheitstourismus versteht sich als Oberbegriff für Reisen, bei denen gesundheitliche Dienstleistungen oder medizinische Behandlungen einen Schwerpunkt bilden. Ziel solcher Aufenthalte sind die Erhaltung, die Stabilisierung oder die Wiederherstellung der eigenen Gesundheit. Der Gesundheitstourismus lässt sich wiederum in weitere Segmente unterteilen: Medizintourismus, Medical Wellness, Kur- und Rehabilitationstourismus, Wellness- und Fitness-Tourismus sowie gesundheitsorientiertes Urlauben. Die Begriffe unterscheiden sich im Wesentlichen durch das Maß und die Intensität der Anwendungsverfahren, das Spektrum reicht von Wellness über Gesundheitsvorsorge bis hin zu operativen Eingriffen. Die Differenzierung der verschiedenen Termini und auch die Definition von Gesundheitstourismus selbst ist nicht eindeutig und eine klare Abgrenzung kann nicht vollzogen werden - ein gesundheitlich begründeter Aufenthalt bildet jedoch klar die Basis.

Gründe für medizinisch motiviertes Reisen
Das Zusammenspiel zahlreicher Faktoren, etwa das steigende Gesundheitsbewusstsein, ein demographischer Wandel mit neuen Zielgruppen, offene Marktstrukturen und Innovation in der Medizin fördern die Bereitschaft für medizinisch motiviertes Reisen. Die Gründe dafür sind ebenfalls unterschiedlich: die bessere Qualität der medizinischen Leistungen im Ausland, die Disponibilität bestimmter Leistungen, die im Heimatland nicht gegeben sind, ein besseres Preis-Leistungsverhältnis sowie geringere Wartezeiten machen Eingriffe im Ausland besonders attraktiv. In Verbindung mit vorteilhaften touristischen Rahmenbedingungen wie gesundheitsförderndem Klima und einer ausgewogenen Küche entstehen ganzheitlich-gesundheitliche Angebote, die von Patienten weltweit genutzt werden. Grundsätzlich lassen sich die Motive für Gesundheitstourismus in drei Beweggründen zusammenfassen: gesund werden - gesund bleiben - genießen. Die Verknüpfung verschiedener medizinischer Dienstleistungen mit Wellness und anschließender Rehabilitation versprechen bessere Ergebnisse und eine schnellere Heilung.

Die beliebtesten Destinationen für Gesundheitsreisende
Laut international renommierten Quellen gelten Indien, Brasilien, Malaysia, Thailand und die Türkei als die Top 5 Destinationen für Gesundheitsreisende. Die am öftesten durchgeführten Eingriffe sind plastischer beziehungsweise schönheitschirurgischer Natur, gefolgt von künstlichen Befruchtungen, Herzoperationen, zahnmedizinischen Eingriffen und onkologischen Therapien. Die Spezialisierung auf bestimmte medizinische Bereiche in Verbindung mit touristischen Strukturen und ansprechenden Landschaften machen diese Ziele besonders begehrt.
In Europa gilt vor allem Deutschland als Vorreiter in diesem Gebiet. Neben Patienten aus angrenzenden Nachbarländern und Wartelistenpatienten machen vor allem Patienten aus Ländern, in denen medizinische Behandlungen entweder kostspielig oder unzureichend sind, den größten Anteil. Letztere kommen überwiegend aus den USA, Russland und den Golfstaaten und nehmen medizinische Leistungen nach europäischem Standard in Anspruch. Hier wird gezielt Medizintourismus betrieben: im Fokus stehen also eindeutig ein invasiver medizinischer Eingriff sowie schulmedizinische Anwendungsverfahren, die im Zielland vorgenommen werden. Solche Reisen sind nicht nur für die Einrichtung selbst lukrativ, auch der Aufenthaltsort und die Unterkunft profitieren vom Patienten. Die Bundesländer Berlin, Sachsen und Bayern verzeichnen die meisten Gesundheitsreisenden.

Gesundheitstourismus im Alpenraum: Kurieren statt Operieren
Während sich die genannten Destinationen vermehrt auf Medizintourismus spezialisieren, setzt der Alpenraum vor allem auf ganzheitlichen Gesundheitstourismus und Medical Wellness. Die steigende Urbanisierung, der damit verbundene Verlust von Naturleben und der Anstieg von Zivilisationserkrankungen wie Herz-Kreislaufstörungen und Allergien führen zu einer wachsenden Nachfrage nach Urlaubsaufenthalten mit Gesundheitsnutzen und machen den Alpenraum zur besonders begehrlichen Destination. Diese Region verfügt über eine Vielzahl an natürlichen, regional verorteten Heilressourcen, einem gesundheitsfördernden Naturraum sowie über ein günstiges Klima für genau solche Aufenthalte.
Im EU-Interreg Projekt Trail Health for Nord, das von 2014-2020 unter der Leitung der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg gestartet und vom europäischen Fonds für Regionale Entwicklung gefördert wird, haben sich Forschungseinrichtungen und Transferorganisationen in Bayern und Österreich sowie die touristischen Regionen Bad Reichenhall, Tegernsee/Bad Wiessee und Tennengau/Abtenau zusammengeschlossen, um gemeinsam neue, gesundheitstouristische Konzepte für den Alpenraum zu entwickeln. Ziel ist es dabei, alle Aspekte dieses Segmentes zu behandeln: Von der Schaffung von medizinischen Einrichtungen über die tiefgründige Erforschung bestehender Heilressourcen bis hin zum Thema Nachhaltigkeit soll hier eine ganzheitlich stimmige Form des Tourismus aufgebaut werden. Mithilfe des Projekts soll der Bestand von besonders geeigneten naturgegebenen Faktoren durch die Errichtung von touristischen Betrieben mit medizinischen Strukturen, dem Kompetenzaufbau beziehungsweise der gezielten Ausbildung von Fachkräften und der Verbesserung von Infrastrukturen unterstützt werden und der Alpenraum als gesundheitstouristische Region positioniert werden. Definierte Zielgruppe sind vor allem ältere Personen: Durch die steigende Lebenserwartung ist in dieser Schicht eine besonders große Nachfrage an gesundheitsfördernden und vor allem gesundheitserhaltenden Aufenthalten festzustellen. Nicht nur entsprechen die klimatischen Bedingungen und die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung der Vorstellung dieser Zielgruppe, die ältere Klientel hält sich größtenteils an einmal ausgewählte Reiseziele und bietet somit ein nachhaltiges Standbein im Gesundheitstourismus. In diesem Zusammenhang wird derzeit die Studie Jungbrunnen-BERG durchgeführt: diese untersucht, inwieweit ein einwöchiger Urlaub in der Alpenregion die gesamtgesundheitliche Verfassung der Teilnehmer zwischen 65 und 85 Jahren verbessern kann.

Medical Wellness-Betriebe als Vorreiter des Gesundheitstourismus in Südtirol
In Südtirol kristallisiert sich ebenfalls eine Tendenz hin zum Medical Wellness heraus. Auch als “grüne Lunge Europas” bezeichnet bietet sich Südtirol vor allem durch seine mittlere Höhenlage und der damit zusammenhängenden geringeren Feinstaubbelastung als gesundheitstouristische Destination an. Die Lage an der Südseite der Alpen ermöglicht besonders begünstigtes Klima für zahlreiche Aktivitäten im Freien. Durch den verringerten Wachstum bestimmter Pflanzenarten ab einer gewissen Höhe sind diverse Kontaminanten nicht mehr vorhanden, was in erster Linie eine Verbesserung von asthma- und allergiebedingten Beschwerden zur Folge hat. Saubere Höhenluft und ein vielfältiges und abwechslungsreiches Sportangebot ergeben also ideale Bedingungen für den Gesundheitstourismus. Erste Vorreiter-Betriebe erweitern bereits ihr reines Wellness-Angebot um medizinische Behandlungen und schaffen so relevante Ziele für Gesundheitstouristen. Spezialisierte Ärzteteams, medizinisches Fachpersonal, innovative Geräte in Verbindung mit individueller Betreuung und luxuriösen Strukturen ermöglichen Gästen Behandlungen und Eingriffe in einem angenehmen Ambiente. Durch Bewegung in den Bergen, Wellness und einer gesunden und ausgewogenen Küche soll der Heilungsprozess und/oder die Gesundheitserhaltung unterstützt werden.
Auch hier versucht man, mit grenzüberschreitenden Lösungen die Europaregion Trentino/Südtirol/Tirol als gesundheitsmedizinische Destination zu fördern und sie als solche zu positionieren. Ebenfalls vom Fonds für regionale Entwicklung unterstützt wurde das Interreg-Projekt WinHealth ins Leben gerufen. Seit 2016 rückt der Wintertourismus in diesem Zusammenhang stark in den Interessensmittelpunkt und wird auf sein Potential untersucht. Der Wintertourismus stellt für diese Gebiete einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor dar, in Verbindung mit gesundheitstouristischen Ansätzen entstehen zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten, die nun gezielt verfolgt werden sollen. Unter anderem haben sich die IDM Südtirol, die Tiroler Zukunftsstiftung, der Tourismusverein Ritten sowie die Brixen Tourismusgesellschaft zusammengeschlossen, um sich für die Inwertsetzung der Alpenregion Trentino/Südtirol/Tirol als Gesundheitsdestination einzusetzen.
Aufbauend auf der bereits 1998 bis 2000 durchgeführten Austrian Moderate Altitude Study 2000, die beweist, dass ein sich ein einwöchiger Winteraufenthalt in mittleren Höhen positiv auf den Fett- und Zuckerstoffwechsel auswirkt, die Schlafqualität verbessert und den Blutdruck senkt, sollen vor allem die Wintermonate für Aufenthalte mit Gesundheitsnutzen propagiert werden. Zum einen, weil sich gerade Südtirol mit zahlreichen Möglichkeiten zum Wintersport dafür anbietet, zum anderen, weil man im Winter erwiesenermaßen zur Passivität neigt, der mit einem aktiven Winteraufenthalt entgegengewirkt werden kann. Besonders “Best Agers”, also Personen über 50, würden von einem Winterurlaub in Südtirol profitieren. Eine deutliche Entwicklung in Richtung Gesundheitsförderung statt bloßem Wellnesstourismus ist also auch hier durchaus festzustellen.

Fazit
Stressbedingte Erkrankungen, Beschwerden im Bewegungsapparat, Stoffwechselerkrankungen und Übergewicht gehören zu den großen Zukunftsthemen auf dem Gesundheitsmarkt und prophezeien eine noch größere Nachfrage im Gesundheitstourismus. Um diesem wachsenden Interesse nachzukommen ist die Errichtung passender Strukturen und die Ausbildung von geschultem Personal unumgänglich. Die Investition in qualitativ hochwertige Leistungen sowie Angebote und später in die Qualitätssicherung spielt dabei eine maßgebliche Rolle und verspricht nachhaltigen Erfolg. Grundsätzlich ist das Potential, das der Gesundheitstourismus birgt, riesig. Die Positionierung einer Region als gesundheitstouristische Destination ermöglicht eine gute Ausgangslage, diesen wirtschaftlichen Trend voll auszuschöpfen. Eine Entwicklung vom Nischensegment hin zum festen Bestandteil der Reisebranche ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten.